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Dieser Satz sollte jede*n stutzig machen

Vor ein paar Tagen bin ich beim Scrollen bei einem Reel von Hotel Matze hängen geblieben. Zu Gast war Dr. Sheila de Liz, Gynäkologin und Bestseller-Autorin, und sie sagte sinngemäß: Wer weniger als alle 14 Tage Sex hat, ist eigentlich in keiner Partnerschaft mehr, sondern nur noch eine WG. Ich musste stoppen, weil ich diesen Satz schon tausendmal gehört habe, aber selten von einer Fachperson. Er passt in ein Muster, das ich sonst eher aus Kommentarspalten und von den Ängsten meines jüngeren Ichs kenne.

Twittter-Kommentar
Kommentar aus Facebook

Auch auf Twitter/X und anderen Social-Media-Kanälen taucht die gleiche Formel immer wieder auf, in Variationen wie „Those [sexless relationships] aren’t marriages, but roommates“ oder „Logisch… Auto ohne Reifen macht auch Sinn“. Die Gerüchte halten sich hartnäckig. Und ehrlich gesagt begegnet mir dieser Gedanke auch sehr häufig in meiner Praxis: Paare kommen zu mir, weil ihre Sexualität weniger geworden ist, und ihre erste, unausgesprochene Angst lautet oft nicht „Ist die Leidenschaft auf der Strecke geblieben?“, sondern „Sind wir überhaupt noch ein Paar?“

Als ob Sex das einzige Merkmal ist, das Mitbewohner*innen von einer romantischen Beziehung unterscheidet. Die Formel „kein Sex = WG“ möchte ich in diesem Artikel etwas auseinandernehmen. Wir sollten nicht ein so hochkomplexes Thema auf eine simple „Ihr müsst alle 14 Tage miteinander schlafen!“-Formel reduzieren.

Woher die Idee kommt, dass Sex die Beziehung definiert

Die Vorstellung, dass regelmäßiger Sex das entscheidende Unterscheidungsmerkmal zwischen Partnerschaft und Freundschaft ist, hat wohl einen intuitiven Kern. Sexuelle Anziehung kann für viele der Ausgangspunkt der Beziehung sein und Berührung, Erregung und Verlangen fühlen sich in der Regel entschieden anders an als freundschaftliche Nähe. Es ist deshalb naheliegend zu denken, dass genau dieses Element auch dauerhaft vorhanden sein muss, damit etwas als Liebesbeziehung definiert sein kann.

Dazu kommt ein biologistisches Narrativ, das in Ratgebern und eben auch in Interviews mit Fachpersonen gern bedient wird: Sex als „Kitt“ der Beziehung, als Garant für Bindungshormone oder auch als Gradmesser für Vitalität. Häufigkeitsangaben wie „mindestens alle zwei Wochen“ klingen dabei angenehm konkret und lassen sich gut in ein Reel packen. Wie viel Sex tatsächlich üblich ist und wie stark diese Zahl über Alter, Beziehungsdauer und Lebensphase schwankt, habe ich in einem früheren Artikel ausführlich mit Studien- und Umfragezahlen unterlegt: Wie viel Sex ist in Beziehungen normal?

Hände und Arme

Warum Beziehungen auch ohne Sex glücklich sein können

Die Paarforschung stützt die WG-These nur bedingt. Verschiedene Zufriedenheitsstudien zeigen relativ übereinstimmend: Nicht die Häufigkeit von Sex sagt am meisten über die Beziehungszufriedenheit aus, sondern wie gut die sexuellen und emotionalen Bedürfnisse der Partner*innen zueinander passen. Ein Paar, das selten, aber einvernehmlich und für beide stimmig intim ist, kann genauso zufrieden sein wie ein Paar mit deutlich mehr sexueller Aktivität. Allein die Definitionen der Begriffe „Sexualität“ und „Intimität“ sind mitunter so weit fassbar, dass viele Menschen überrascht sind, was man dort neben Sex alles einordnen kann.

Aus bindungstheoretischer Perspektive lässt sich das gut erklären. Paarbindung speist sich aus mehreren Systemen: dem Bindungssystem, das Sicherheit und emotionale Nähe reguliert, dem Fürsorgesystem, in dem sich Partner*innen umeinander kümmern, und erst danach dem Sexualsystem. Sex ist ein möglicher Ausdruck von Nähe unter mehreren, nicht die einzige Quelle. Auch die Forschung zu Asexualität zeigt, dass Menschen mit sehr geringem oder fehlendem sexuellem Verlangen ganz reguläre, stabile Partner*innenschaften führen, wenn beide das gemeinsam tragen oder aktiv aushandeln.

In meiner Praxis erarbeite ich mit Paaren hin und wieder ein gemeinsam gewähltes Intimitäts-Modell. Wir hinterfragen Normen kritisch, schauen uns die expliziten Gründe für Sexlosigkeit an – und natürlich auch, was dahinterstecken könnte. Es geht zunächst darum, sich wieder einander nah zu fühlen, vertraut und verbunden, auch ohne dass Sex im Zentrum steht. Das Etikett „WG“ ist oft kein neutraler Befund, sondern ein Werturteil von außen, das eigentlich nicht zu ihrer gelebten Realität passt. WG-Mitbewohner*innen beschließen selten gemeinsame Zukunftspläne, begehen den Alltag zusammen, küssen und streicheln sich, oder…?

Warum an dem Satz trotzdem etwas dran ist

Gleichzeitig wäre es zu einfach, die Aussage aus dem Reel bzw. Podcast komplett vom Tisch zu wischen. In der Praxis sehe ich nämlich auch die andere Seite: Sexlosigkeit kann das eigentliche Problem sein, ist häufig aber ein Symptom. Unausgesprochener Groll, chronische Erschöpfung, ungleich verteilte Mental Load, Schmerzen, Krankheiten, ungelöste Konflikte oder auch Kinder führen oft dazu, dass Sexualität leise verschwindet, ohne dass jemals offen darüber gesprochen wird. Genau hier, vermute ich, liegt der eigentliche Kern von de Liz‘ Aussage: Als Sexualmedizinerin sieht sie vermutlich viele Paare, bei denen Lustlosigkeit über Jahre unhinterfragt hingenommen wird, obwohl hormonelle, körperliche oder kommunikative Ursachen behandelbar wären. Ihre pointierte Aussage verliert dabei aber die wichtige Unterscheidung zwischen bewusstem, gemeinsam getragenem Verzicht und stillem, konfliktbedingtem Verschwinden von Sexualität.

Problematisch wird es vor allem dann, wenn eine Person Sex möchte und die andere dauerhaft nicht, und diese Diskrepanz nie besprochen wird. Häufig entsteht dann auf einer Seite Frust und das Gefühl von Zurückweisung, auf der anderen Seite Druck und manchmal ein Gefühl von Pflicht. Wichtig auch zu erwähnen: die emotionalen Kosten von sogenanntem „Pflicht-Sex“, also Sex, dem man aus Verpflichtungsgefühl zustimmt oder einfach „hinter sich bringt“, obwohl man eigentlich nicht möchte. Ein Artikel von VOX Mental Health fasst dazu Forschung zusammen, die zeigt, dass wiederholtes Ja-Sagen aus Pflichtgefühl langfristig zu Groll, emotionalem Rückzug und einem massiven Rückgang der Lust führen kann, selbst in liebevollen Beziehungen. Die Antwort auf sexuelle Unlust ist also nicht automatisch „dann eben öfter Sex haben“, denn erzwungene oder aus Pflicht erbrachte Sexualität kann die Distanz zwischen zwei Menschen sogar vergrößern statt verkleinern.

Blitze

Die eigentliche Frage lautet nicht „Wie oft?“, sondern „Gemeinsam entschieden oder stillschweigend hingenommen?“

Julia Henchens Reminder, dass niemand in einer Beziehung Sex haben muss, und Sheila de Liz‘ Zuspitzung, dass ohne Sex nur eine WG übrig bleibt, wirken auf den ersten Blick wie absolute Gegensätze. Aus meiner Sicht als Paartherapeut treffen beide einen wahren Kern, je nachdem, wie das Ausbleiben von Sex zustande kommt.

Wenn zwei Menschen bewusst und einvernehmlich entscheiden, dass Sex für sie aktuell oder dauerhaft nicht im Zentrum steht, spricht wenig dagegen, dass diese Beziehung trotzdem tief, liebevoll, intim und stabil ist. Wenn Sexualität dagegen unbemerkt verschwindet, weil eine ungelöste Verletzung, Erschöpfung oder ein ausgesprochenes Bedürfnis im Raum steht, dann ist die fehlende Sexualität meist nur die Spitze eines größeren Themas. Wie stark oder wenig Sexualität in einer Beziehung eine Rolle spielt, ist übrigens auch alters- und phasenabhängig, und kann wie bereits erwähnt auch stark mit der gesundheitlichen Verfassung zusammehängen.

Die entscheidende Frage ist also nicht die Häufigkeit, sondern ob in einer Beziehung aktiv über Sexualität gesprochen wird und sie gemeinsam ausgestaltet werden kann, oder ob geschwiegen wird, bis am Ende jemand eine Diagnose wie „WG“ von außen dafür aufdrängt.

Hier dazu auch nochmal mein eigener Kommentar auf Instagram oder Tiktok als kurzes Video.

Quellen: