Paartherapie im TV: Alles nur geskriptet?
Ich habe mir kürzlich zwei aktuelle Sendungen zum Thema Paartherapie angeschaut. Mit dem Blick eines Menschen, der diesen Job tatsächlich auch ausübt, wollte ich einen Eindruck davon bekommen, inwiefern solche Formate Wirklichkeit oder Wunschbild sind: „Blue Therapy“ auf Netflix (britische Produktion, 2026) und die dritte Staffel „Die Paartherapie“ mit Eric Hegmann (ARD/NDR). Das Ergebnis: Teils überraschend nah an der Realität, teils doch ziemlich weit davon entfernt.
Was zeigen diese Formate eigentlich?
Beide Sendungen begleiten echte Paare in echter Therapie – zumindest dem Anspruch und der Beschreibung nach. Blue Therapy arbeitet mit der britischen Therapeutin Karen Doherty, die über 20 Jahre Berufserfahrung mitbringt. Netflix bewirbt die Show ausdrücklich als Doku-Serie mit „echten Paaren“. Die Paartherapie mit Eric Hegmann ist in der ARD-Mediathek zu finden und zeigt jeweils vier Paare pro Staffel in sogenannten Intensivsitzungen – rund fünf Stunden am Stück, die für die Sendung geschnitten werden. Am Ende folgt mit ein paar Monaten Abstand ein Wiedersehen. Hegmann selbst beschreibt seinen Ansatz als systemisch, emotionsfokussiert und differenzierungsfokussiert, geprägt durch Ausbildungen bei Größen wie Gottman, Sue Johnson und Esther Perel.
Paartherapie im Fernsehen ist gar nicht mal so neu. Bereits 2012 bis 2015 lief eine Show mit dem Namen „Couples Therapy“ in den USA. Seit 2019 läuft die Sendung mit gleichnamigem Titel mit der Therapeutin Dr. Orna Guralnik und erfreut sich auch auf Social Media großer Beliebtheit.
Die gezeigten Themen sind realistisch und wiedererkennbar: Fremdgehen, finanzielle Ungleichgewichte, Entfremdung, Kinder als Stressfaktor, Vertrauensverlust – das sind keine konstruierten Szenarien, sondern das, was mir auch täglich in der Praxis begegnet.

Warum faszinieren uns diese Sendungen?
Paartherapie ist normalerweise ein absolut geschützter Raum. Schweigepflicht, Vertraulichkeit, keine Außenstehenden. Was dort gesagt und gefühlt wird, bleibt zwischen den Beteiligten. Genau deshalb üben Formate wie diese eine fast voyeuristische Faszination aus: Man bekommt Einblick in etwas, das sonst völlig unsichtbar ist. Intime Konflikte, aufgebrochene Wunden, Momente echter Verletzlichkeit – das hat eine Anziehungskraft, die über gewöhnliches Reality-TV hinausgeht. Gleichzeitig ermöglichen diese Sendungen eine Art stellvertretende Selbstreflexion: Viele Zuschauer*innen erkennen sich oder ihre eigene Beziehung und die eigenen Konflikte in dem wieder, was sie sehen?
Ist das eigentlich alles echt?
Eine berechtigte Frage, und eine, die sich auch viele Zuschauer*innen stellen. Produzent Andy Amadi hat offen zugegeben, dass Reality-TV nie vollständig unkontrolliert ist – auch wenn Karen Doherty in Interviews betont, die Show sei „so real“ und nicht auf Sensationalismus ausgelegt. Auf Reddit diskutieren viele Zuschauende die Echtheit intensiv. Manche empfanden die Sendung nach acht Folgen als „extremely staged“.
Das ursprüngliche Blue Therapy auf YouTube hatte einen handfesten Skandal: Die dortige „Therapeutin“ Denise war eine Schauspielerin ohne Qualifikation. Die Netflix-Version setzt dem gegenüber auf Dohertys Qualifikationen als lizenzierte Therapeutin – eine deutlich glaubwürdigere Basis.
[…] das Bild das Eric Hegemann von Therapie bzw. therapeutischen Gesprächen vermittelt bereitet mir Bauchschmerzen.
…lässt sich ebenfalls auf Reddit lesen. Aus meiner Sicht ist das aber eher eine subjektive bzw. Stil-Frage. Dazu später mehr.
Meine Einschätzung: Echte Paare, echte Probleme, echte Paartherapeut*innen – aber durch Schnitt, Setting und dramaturgische Aufbereitung entsteht ein Produkt, das Therapie auch als Unterhaltung inszeniert. Dessen sollte man sich bewusst sein und entsprechend sind Vorbehalte beim Schauen durchaus angebracht.

Was stimmt – und was nicht?
Einiges kommt in beiden Formaten überraschend gut raus. Die Themen sind authentisch. Hausaufgaben zwischen den Sitzungen sind ein real verwendetes Mittel. Dass Therapie nicht automatisch immer die Rettung der Beziehung bedeutet – auch Trennung kann ein sinnvolles Ergebnis sein – wird in beiden Sendungen gezeigt. Das stimmt und ist wichtig.
Dann gibt es aber auch Punkte, bei denen ich als Paartherapeut und Psychologe aufmerke:
Das Setting wirkt stellenweise unrealistisch. Blue Therapy spielt in einer riesigen Villa mit Chauffeur-Service – das hat mit dem Erleben der meisten Paare, die Therapie aufsuchen, wenig zu tun. Aber es illustriert ein echtes Problem: Paartherapie ist teuer und wird von den Kassen nicht übernommen. Was die Sendung also unbewusst transportiert: Diese Arbeit ist vor allem etwas für Gutverdienende.
Interventionen wirken nahezu unfehlbar. In beiden Formaten funktioniert fast jede Intervention auf Anhieb und produziert einen klaren Erkenntnismoment. Das ist im besten Fall schon häufig so, kann in der Realität aber auch nach hinten losgehen, zum Beispiel wenn eine längere Augenkontakt-Übung in einer angespannten Sitzung eher Unbehagen auslöst als Nähe.
Erics Stil ist eigenwillig. Er arbeitet viel mit systemischen Fragetechniken und bildhaften Einordnungen – das kann sehr hilfreich sein. Gleichzeitig fällt auf, dass er seltener nach Gefühlen fragt, häufig unterbricht und Formulierungen vorgibt, statt die Klient*innen selbst zum Ausdruck kommen zu lassen. Das ist sein Stil, und Stile unterscheiden sich – aber neuere Ansätze würden hier, meines Erachtens, zurückhaltender vorgehen und mehr die Sprache des Gegenüber aufgreifen.
Das Sitzungsformat ist unüblich. Fünfstündige Intensivformate kommen vor, haben aber einen Nachteil: Man sieht nicht, ob das Erarbeitete im Alltag auch trägt. Genau dieser Alltagscheck, wie wurde es integriert, wo müssen wir nachjustieren etc., ist ein wesentlicher Teil des therapeutischen Prozesses. Zwei bis drei Sitzungen mit festgelegtem Ende, wie es in Blue Therapy gezeigt wird, sind außerdem eher ungewöhnlich. In meiner Praxis ergibt sich der Verlauf im Dialog.
Es wird geduzt. In der ARD-Sendung spricht Eric Hegmann die Paare per Du an. Hier gehen die Meinungen im professionellen Kontext generell auseinander. Während ich Kolleg*innen kenne, für die es niemals infrage käme, Klient*innen zu duzen, gehe ich damit lockerer um. Man darf mich siezen oder duzen.
Hausaufgaben werden immer erledigt. Ich fand es spannend, dass in beiden Sendungen von allen Paaren fleißig die Hausaufgaben gemacht wurden. Das ist natürlich erfreulich, kommt in der Praxis aber nicht immer so 100-prozentig vor. Das kann an ganz verschiedenen Dingen liegen wie Passung, Verständnis, Motivation, Zeit usw.
Lohnt sich das Schauen – zum Beispiel wenn man selbst überlegt, eine Paartherapie zu beginnen?
Ja, durchaus. Mit der richtigen Erwartungshaltung! Beide Formate geben einen ehrlichen Eindruck davon, welche Themen in Paartherapie auftauchen können, wie Sitzungen grob ablaufen und dass es sich um einen Raum handelt, in dem auch schwierige Dinge sagbar werden. Hegmann selbst beschreibt es so: „Ich helfe, die Gespräche zu führen, die Paare führen sollten, aber bisher nicht führen konnten.“ Das trifft es im Kern gut. Die Teilnehmenden der Show resümieren am Ende: „Therapie ist etwas Sinnvolles, auch wenn eine Menge Wunden geöffnet wurden“.
Was man nicht erwarten sollte: eine nüchterne, repräsentative Darstellung von Paartherapie. Beide Formate sind auch Unterhaltung – und Unterhaltung braucht Dramaturgie, Emotionen und befriedigende Auflösungen. Wer Paartherapie als mögliche Option für sich selbst in Betracht zieht, bekommt hier eine erste Orientierung, aber sicher kein vollständiges Bild.
Quellen


