{"id":419,"date":"2025-08-01T11:04:41","date_gmt":"2025-08-01T09:04:41","guid":{"rendered":"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/?p=419"},"modified":"2025-08-10T18:33:05","modified_gmt":"2025-08-10T16:33:05","slug":"beziehungen-fuer-maenner-wichtiger-als-fuer-frauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/beziehungen-fuer-maenner-wichtiger-als-fuer-frauen\/","title":{"rendered":"Warum f\u00fcr M\u00e4nner Beziehungen wichtiger sind als f\u00fcr Frauen"},"content":{"rendered":"\n<p>Neueste Forschungsergebnisse zeigen: Romantische Beziehungen spielen f\u00fcr heterosexuelle M\u00e4nner eine gr\u00f6\u00dfere Rolle \u2013 mit \u00fcberraschenden psychologischen Hintergr\u00fcnden. Was k\u00f6nnen wir daraus f\u00fcr den Beziehungsalltag und m\u00f6gliche Beratungsans\u00e4tze ableiten?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading major\">Liebe als Lebensanker?<\/h3>\n\n\n\n<p>Wer denkt, dass Frauen st\u00e4rker auf romantische Beziehungen angewiesen seien als M\u00e4nner, irrt. Lange Zeit galt das g\u00e4ngige Klischee, dass Frauen emotionaler seien, mehr \u00fcber Liebe sprechen und romantische Bindungen st\u00e4rker bewerten. Eine Meta-Analyse von Iris Wahring und Kollegen zeigt nun: <strong>M\u00e4nner messen romantischen Partnerschaften mehr Bedeutung bei als Frauen<\/strong> \u2013 in Bezug auf Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit und soziale Stabilit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ergebnis wirkt auf den ersten Blick kontraintuitiv und stellt Genderstereotype auf den Kopf. Doch je tiefer man in die psychologischen Mechanismen eintaucht, desto deutlicher zeigt sich: Es ist weniger ein Widerspruch als vielmehr ein Perspektivwechsel n\u00f6tig.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading major\">Was das Studienergebnis zeigt<\/h3>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Aus zahlreichen Studien wissen wir, dass Frauen typischerweise mehr emotionale Unterst\u00fctzung von ihrem sozialen Umfeld erhalten als M\u00e4nner. Daher sind heterosexuelle M\u00e4nner st\u00e4rker von ihrer festen Partnerin abh\u00e4ngig, um ihre <strong>emotionalen Bed\u00fcrfnisse zu erf\u00fcllen<\/strong> als heterosexuelle Frauen. Kurz gesagt, feste Beziehungen sind psychologisch wichtiger f\u00fcr M\u00e4nner als f\u00fcr Frauen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>So fasst es die Autorin der Studie zusammen. In der Auswertung von \u00fcber 50 Forschungsarbeiten zeigte sich zudem, dass M\u00e4nner in festen Beziehungen seltener als Frauen den ersten Schritt zur Trennung machen, sich <strong>nach Trennungen eher einsam<\/strong> f\u00fchlen und die positiven Aspekte eines Beziehungsendes weniger oft erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gesellschaftliche Verst\u00e4ndnis von typisch weiblich und typisch m\u00e4nnlich wird in der Meta-Analyse ebenso auf die Probe gestellt. Beziehungen spielen eine besonders wichtige Rolle, wenn es um die Gesundheit von Menschen geht. F\u00fcr M\u00e4dchen sei es \u00fcblich und viel angemessener als f\u00fcr Jungen, Emotionen und Verletzlichkeiten zu teilen, sagen die Autor*innen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading major\">Emotionale Kompetenz: Ein untersch\u00e4tztes Puzzlest\u00fcck<\/h3>\n\n\n\n<p>Ein zentraler Aspekt in der Interpretation dieser Geschlechterunterschiede liegt in der sogenannten <strong>emotionalen Kompetenz<\/strong>. Diese wird als Konstrukt verstanden, Emotionen wahrzunehmen, zu nutzen, zu verstehen, zu steuern und mit ihnen umzugehen. Studien zeigen, dass Frauen im Durchschnitt feinf\u00fchliger im Wahrnehmen und Verarbeiten eigener und fremder Emotionen sind. Sie pflegen oft intensivere soziale Netzwerke, in denen emotionale Themen ausgetauscht und reguliert werden \u2013 nicht nur in romantischen Beziehungen, sondern auch mit Freund*innen, Familienmitgliedern oder im Kolleg*innenkreis.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4nner hingegen neigen in vielen westlichen Kulturen dazu, emotionale Intimit\u00e4t fast ausschlie\u00dflich in der Partnerschaft zu suchen und zu finden. Die romantische Beziehung wird somit zur <strong>emotionalen Hauptversorgung<\/strong> \u2013 eine Art Ein-Personen-System f\u00fcr N\u00e4he, Trost und Verst\u00e4ndnis. Diese &#8222;Einseitigkeit&#8220; erkl\u00e4rt, warum M\u00e4nner bei Trennungen oft st\u00e4rker unter Einsamkeit und emotionalem Entzug leiden. Ihnen fehlt schlichtweg der Zugang zu weiteren emotionalen Ressourcen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1210\" height=\"390\" src=\"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/asphalt-rel-man-woman.jpg\" alt=\"Verbindung und Unterschiede M\u00e4nner und Frauen\" class=\"wp-image-432\" srcset=\"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/asphalt-rel-man-woman.jpg 1210w, https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/asphalt-rel-man-woman-300x97.jpg 300w, https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/asphalt-rel-man-woman-1024x330.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1210px) 100vw, 1210px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading major\">Emotionale Abh\u00e4ngigkeit oder einfach eine andere Sozialisation?<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Team um Umberson kam bereits 1996 zu folgender Erkenntnis: Starke soziale Beziehungen f\u00f6rdern grunds\u00e4tzlich das psychische Wohlbefinden. <strong>Wer viele und qualitativ hochwertige, unterst\u00fctzende Beziehungen hat, ist generell gl\u00fccklicher, leidet weniger unter Stress oder Angst und lebt ges\u00fcnder. <\/strong>In dieser Studie wurde deutlich, dass Frauen im Vergleich zu M\u00e4nnern tendenziell \u00fcber eine \u201esoziale Mehrgleisigkeit\u201c verf\u00fcgen \u2013 ihre emotionale Welt ist breiter aufgestellt. M\u00e4nner hingegen kn\u00fcpfen meist weniger, aber daf\u00fcr oft funktionsbezogenere Kontakte.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Unterschiede sind jedoch nicht biologisch festgeschrieben. Vielmehr spiegeln sie jahrzehntelange <strong>Sozialisationsmuster<\/strong> wider: Jungen lernen oft, Gef\u00fchle zur\u00fcckzuhalten, sich nicht verletzlich zu zeigen und emotionale Abh\u00e4ngigkeit als Schw\u00e4che zu sehen. Gleichzeitig wird romantische Liebe in der Popkultur f\u00fcr M\u00e4nner h\u00e4ufig als der einzige legitime Ort emotionaler \u00d6ffnung dargestellt. Frauen hingegen werden ermutigt, Beziehungen vielf\u00e4ltiger zu gestalten und emotionale N\u00e4he auch in nicht-romantischen Kontexten zuzulassen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading major\">Was hei\u00dft das f\u00fcr die Liebe heute?<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Vorstellung, dass M\u00e4nner emotional &#8222;abgeh\u00e4rteter&#8220; seien, verkehrt sich mit dieser neuen Forschung fast ins Gegenteil. Nicht weil sie schw\u00e4cher w\u00e4ren \u2013 sondern weil ihnen die Werkzeuge fehlen, emotionale Bed\u00fcrfnisse jenseits der romantischen Liebe zu regulieren. Das kann nicht nur Beziehungen belasten, sondern auch die eigene psychische Gesundheit. Von der Partnerin abh\u00e4ngig zu sein, klingt f\u00fcr die meisten vermutlich nicht besonders erstrebenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig bieten sich auch Chancen: Je mehr M\u00e4nner ermutigt werden, emotionale Kompetenz zu entwickeln, <strong>\u00fcber Gef\u00fchle zu sprechen und Freundschaften tiefer zu gestalten<\/strong>, desto weniger entsteht emotionale Abh\u00e4ngigkeit von einer einzigen Beziehung. F\u00fcr Frauen kann es ebenso entlastend sein, wenn sie nicht l\u00e4nger allein die emotionale Hauptverantwortung im Beziehungssystem \u00fcbernehmen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1210\" height=\"390\" src=\"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/brille-kalender.jpg\" alt=\"Brille auf Notizbuch\" class=\"wp-image-442\" srcset=\"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/brille-kalender.jpg 1210w, https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/brille-kalender-300x97.jpg 300w, https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/brille-kalender-1024x330.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1210px) 100vw, 1210px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading major\">Was wir daraus lernen k\u00f6nnen<\/h3>\n\n\n\n<p>Wichtig: Die Ergebnisse der Metaanalyse zeigen <strong>Tendenzen<\/strong>, keine absoluten Wahrheiten. Personen, die sich als LGBTQ+ bezeichnen, wurden in der Studie nicht explizit ber\u00fccksichtigt. Nat\u00fcrlich gibt es auch M\u00e4nner, die emotional kompetent, reflektiert und beziehungsf\u00e4hig sind \u2013 genauso wie auch Frauen, die mit Emotionen hadern. Doch gerade auf gesellschaftlicher Ebene wird deutlich: Wir haben bislang keine Strukturen geschaffen, die M\u00e4nner wirklich dazu bef\u00e4higen, Emotionalit\u00e4t zu entwickeln, zu zeigen und als Ressource zu begreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein kollektives. Wenn heterosexuelle M\u00e4nner st\u00e4rker auf romantische Beziehungen angewiesen sind, aber seltener lernen, ihre Gef\u00fchle auszudr\u00fccken, N\u00e4he aktiv zu gestalten oder Verletzlichkeit zuzulassen, kann ein Ungleichgewicht in Beziehungen entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Beratung und Therapie bedeutet das, Kompetenz zu vermitteln. Die Aufgabe der Gesellschaft besteht darin, <strong>durch Bildung und \u00f6ffentliche Vorbilder neue R\u00e4ume f\u00fcr Verbindung und Verst\u00e4ndnis zu schaffen<\/strong>. M\u00e4nner brauchen keine Erlaubnis, vielf\u00e4ltige Gef\u00fchle zu haben. Sie brauchen eine Gesellschaft, die sie dabei ernst nimmt, unterst\u00fctzt und emotionales Wachstum genauso wertsch\u00e4tzt wie andere Formen von St\u00e4rke.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1017\/s0140525x24001365\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/doi.org\/10.1017\/s0140525x24001365\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Romantic Relationships Matter More to Men than to Women<\/a> (2024)<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1017\/CBO9780511806582.019\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/doi.org\/10.1017\/CBO9780511806582.019\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Emotional Intelligence &#8211; What Do We Know?<\/a> (2012)<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/psycnet.apa.org\/record\/2005-06828-002\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Models of Emotional Intelligence<\/a> (2005)<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1017\/CBO9780511628191.010\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/doi.org\/10.1017\/CBO9780511628191.010\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Women, men, and positive emotions: A social role interpretation<\/a> (2000)<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.2307\/2096456\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/doi.org\/10.2307\/2096456\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Are Men and Women Really So Different?<\/a> (1996)<\/li>\n\n\n\n<li>Fotos: Pea (Unsplash), Emmanuel Ikwuegbu (Unsplash)<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neueste Forschungsergebnisse zeigen: Romantische Beziehungen spielen f\u00fcr heterosexuelle M\u00e4nner eine gr\u00f6\u00dfere Rolle. 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Welche Rolle Sozialisation und emotionale Kompetenz dabei spielen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":452,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[33,84,85,18,13],"class_list":["post-419","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-forschung","tag-dysfunktionale-beziehung","tag-emotionale-kompetenz","tag-geschlecht","tag-studie","tag-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/419","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=419"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/419\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/media\/452"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=419"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/paartherapie-herrmann-schwarz.de\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}